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Neue Erkenntnisse zur Ursache der Seekrankheit ermöglichen bessere Vorsorge

Die Seekrankheit gilt als Ausdruck eines Konflikts, der durch unvereinbare visuelle und lagebedingte Informationen zustande kommt. Diese gängige Theorie wird nun durch neue Erkenntnisse in Frage gestellt.

«II mal di mare» - die Seekrankheit gibt es, seit Menschen sich mit Booten auf das Meer wagen. Sie lässt nicht nur Landratten leiden, sondern macht auch vor altgedienten Seeleuten nicht halt. Selbst Admiral Nelson wurde seekrank, wenn im Ärmelkanal die Wellen hochgingen und die Augen vergebens nach einem Fixpunkt suchten. Umso erstaunlicher ist es, dass über die Ursache der Seekrankheit noch immer gerätselt wird, wie neue Forschungsresultate zeigen.

Kranke am Mast festbinden

Weil die Neigung, seekrank zu werden, unterschiedlich ausgeprägt ist und das Auftreten stark von physikalischen Variablen wie Schiffsgrösse und Wellenart abhängt, gibt es keine repräsentativen Aussagen zu ihrer Häufigkeit. Untersuchungen auf Truppentransportschiffen zeigten jedoch, dass regelmässig zwischen 20 und 40 Prozent der Mannschaft seekrank werden. Dagegen wird in fensterlosen Rettungsbooten in stürmischer See fast jeder Mensch innerhalb kürzester Zeit zu einem körperlichen Wrack.

Die Seekrankheit beginnt mit unspezifischen Symptomen wie Müdigkeit und Gähnen. Dann bricht kalter Schweiss aus den Poren, das Gesicht wird kreidebleich, und Übelkeit kriecht vom Bauch hoch. Schliesslich folgt heftiges Erbrechen. Es gibt keine Erkrankung, die so schnell zu Selbstmordgedanken führt, wie die Seekrankheit. Kapitäne berichteten, dass man seekranke Passagiere am Mast festbinden musste, weil sie lieber über Bord springen wollten, als weiter die Pein zu ertragen. Andere Symptome wie Antriebsarmut, Konzentrationsverlust und Entscheidungsunfähigkeit sind zudem für die Sicherheit an Bord von Bedeutung.

Nach geltender Lehrmeinung entsteht Seekrankheit dann, wenn Sinnesorgane widersprüchliche Informationen zur räumlichen Lage des Körpers an das Gleichgewichtszentrum im Kleinhirn melden. Rollt etwa ein Schiff in hoher See und ist weder ein Horizont noch eine Bezugsvertikale erkennbar, so kann dieses Zentrum Signale, die aus den Augen sowie aus den Gleichgewichts- und Beschleunigungssenoren im Innenohr gesendet werden, nicht mi den Informationen in Einklang bringen, die aus den in Muskeln, Sehnen und Gelenken liegenden Tiefengefühlrezeptoren stammen. Diese melden nämlich eine andere Position des Körpers im Raum, als Netzhaut und Innenohr sie wahrnehmen. Auf das Informationschaos, so die Theorie, reagiert der Körper mit den Symptomen der Seekrankheit.

Für Thomas Stoffregen vom Institut für Bewegungsforschung an der Universität von Minnesota, Minneapolis, ist diese Modellvorstellung falsch. Unsere Sinnesorgane würden ständig inkohärente Informationen an das Gehirn senden, sagt der Neuropsychologe. Deshalb hätten sich die neuronalen Schaltstellen an widersprüchliche Datenströme gewöhnt und würden den «visuell-vestibulären Konflikt», also den Widerspruch zwischen dem, was das Auge sieht, und dem, was die Lagesensoren fühlen, ignorieren.

Laut Stoffregen entsteht Seekrankheit immer dann, wenn das Gehirn nicht mehr in der Lag ist, die Körperstellung in einer schwankenden Umgebung zu kontrollieren, und die fein abgestimmte Balance zwischen einzelnen Körperregionen verloren geht.¹ In diesem Fall wäre nicht ein sensorischer Konflikt die Ursache des Übels, sondern die Unfähigkeit des motorischen Nervensystems, dem Körper eine stabile Lage in einem schwankenden Raum zu geben.

Ausgangspunkt der neuen Theorie war die Beobachtung, dass Menschen, die auf dem Deck eines Schiffes seekrank sind, sich besser fühlen, wenn sie in Wasser eingetaucht sind und eine Schwimmweste den Körper aufrecht hält. Zur These der instabilen Körperposition als Ursache von Seekrankheit passt auch die Erfahrung, dass die Symptome weniger ausgeprägt sind, wenn man sich mittschiffs aufhält. Dort sind die durch den Wellengang bedingten Schwankungen am geringsten, die Stabilität des Körpers ist also leichter zu gewährleisten als an Bug oder Heck.

Vitamin C gegen Übelkeit

Diese Erfahrung zahlreicher Seefahrer hat Stoffregen durch experimentelle Untersuchungen bestätigt.² Sein Fazit: Werden auf einem schwankenden Untergrund die Beine gespreizt, so erhöht das automatisch die Standortsicherheit und damit die Stabilität der Körperstellung. In der Folge treten typische Seekrankheitssymptome seltener oder weniger ausgeprägt auf.

Reinhard Jarisch, der in Wien eine Klinik für allergische Erkrankungen leitet, findet, dass auch diese Theorie das Phänomen Seekrankheit nicht umfassend erklärt. Unerklärlich seien etwa die grossen Unterschiede in der Häufigkeit der Erkrankung zwischen den Geschlechtern (Frauen sind grundsätzlich empfindlicher als Männer), einzelnen Altersgruppen oder verschiedenen Ethnien. Und warum ändert sich bei Frauen, so fragte sich der Arzt, die Empfindlichkeit im Laufe des Zyklus? Da liege die Vermutung nahe, schreibt Jarisch, dass körpereigene Botenstoffe, deren Konzentration individuell unterschiedlich hoch sei, die Symptome auslösten.

Als Allergologe hatte der Wiener Forscher bald ein Molekül im Verdacht, dessen Konzentration im Gewebe und im Blut stark schwanken kann: Histamin. Während die Substanz in der Peripherie des Körpers ein Gewebshormon ist, das etwa bei allergischen Reaktionen vermehrt ausgeschüttet wird, funktioniert sie im Gehirn als Neurotransmitter. Dort setzen spezialisierte Nervenzellen das Molekül bei Stress, Angst und unkoordinierten Körperbewegungen frei. Eine Krankheit, die sogenannte Mastocytose, geht sogar mit einem chronisch hohen Histaminspiegel einher. Diese Patienten leiden an Symptomen, die denen der Seekrankheit ähnlich sind.

Wenn Seekrankheit im Kern eine Art Histaminvergiftung ist, dann müssten die Symptome verschwinden - oder gar nicht erst entstehen -, wenn sich die Konzentration des Botenstoffs normalisiert. Histamin wird durch das Enzym Diaminoxidase abgebaut, und das geht besonders gut bei gleichzeitiger Präsenz von Vitamin C, das im Körper häufig «Mangelware» ist.

Die Rolle des Essens

Ob eine Vitamingabe Seekrankheit verhindert, hat Jarisch in Zusammenarbeit mit dem Institut für Schifffahrtsmedizin der deutschen Marine in Neustadt untersucht.³ In einer Doppelblindstudie bekamen die Marineangehörigen entweder zwei Gramm Vitamin C oder ein Placebo. Anschliessend kletterten sie in eine Rettungsinsel und wurden in einem Becken einem Seegang ausgesetzt, bei dem auch dem abgehärtetsten Seemann rasch speiübel wird. Dokumentiert wurden die Schwere der Symptome und die Dauer, bis der Proband das Experiment abbrach. Das Ergebnis: In der Placebo-Gruppe verliessen deutlich mehr Probanden die Rettungsinsel vorzeitig als in der Gruppe, die Vitamin C bekommen hatte. Der Unterschied war besonders deutlich bei Frauen und Männern unter 30 Jahren, die für die Seekrankheit besonders empfänglich sind.

Wenn die Histaminkonzentration im Körper tatsächlich darüber entscheidet, ob einem auf See übel wird oder nicht, dann hätte das eine praktische Relevanz für alle zukünftigen Schiffspassagiere. Die an Bord gereichten Speisen unterscheiden sich nämlich erheblich in ihrer Histaminkonzentration. Währen Rotwein, Salami, Tomaten und Schokolade regelrechte «Histaminschleudern» sind, enthalten Getreideprodukte, Kartoffeln, Karotten und Kürbis nur wenig von diesem Gewebshormon. Der Passagier kann also über sein Essverhalten die Zufuhr der möglicherweise schädlichen Substanz steuern. Eine weitere Option, um den Histaminspiegel niedrig zu halten, ist, viel zu schlafen. Denn im Schlaf sinkt die Konzentration des Gewebshormons im Blut gegen null.

¹Aviation, Space, and Environmental Medicine 81, 843-849 (2010), ²Aviation, Space, and Environmental Medicine 80, 845-849 (2009), ³Österreichische Ärztezeitung 5, 32-41 (2009).

Quelle: NZZ, 13.10.2010, Seite 59, Hermann Feldmeier

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