Wer an Norwegens Natur denkt, denkt an die absolute Ruhe. Das ist nur eine Seite der Medaille.

So etwas gibt es sonst nirgendwo: 33 Kilometer vor der norwegischen Stadt Bodø scheint die Welt viermal am Tag für einige Minuten stillzustehen. Denn die Wassermassen des Saltstraumen-Stroms bewegen sich nicht. Selbst die Touristen, die extra wegen des Naturschauspiels gekommen sind, erstarren vor Ehrfurcht. Einzig die schrillen Schreie der Möwen erinnern daran, dass absoluter Stillstand hier gar nicht möglich ist.

Dann plötzlich: Wie um die Erkenntnis zu bestätigen, setzt sich das Wasser ohne Vorwarnung in Bewegung. Das eigentlich dunkelgrüne Wasser schäumt mit einem Mal türkisfarben. Die weissen Schaumkronen formen tänzelnd gewaltige Strudel. Bis zu 400 Millionen Liter Wasser strömen in den nächsten sechs Stunden durch den engen Sund, der Salten- und Skerstadford miteinander verbindet. Laut, wild, gewaltig. Ausgelöst wird das Naturspektakel durch den Wechsel zwischen Ebbe und Flut. Hier findet der Wasserausgleich statt.

Einzigartiges Spektakel

Der Saltraumen ist der stärkste Gezeitenstrom der Welt. Und das beweist er viermal am Tag mit aller Kraft. Wann das Schauspiel beginnt, erfährt man online oder bei der lokalen Touristeninformation. Wer zur richtigen Zeit da ist, kann es nicht verfehlen.

Zwar sind es vom Parkplatz aus nur ein paar Meter bis zu den Ufern des Stroms, aber ein frühes Kommen ist trotzdem ratsam. Denn die Felsen sind auch bei Anglern äusserst beliebt. Schliesslich lockt das nährstoffreiche Wasser viele Fische an. Zudem wurde hier der grösste Seelachs der Welt gefangen. Ein wahrer Prachtkerl, 22,3 Kilogramm schwer. Das motiviert.

Ein Ort, viele Highlights

Ebenso ratsam: Der Aufstieg auf die Saltstraumenbrücke, über die die Küstenstrasse RV 17 führt. Denn von dort oben bietet sich der beste Blick. Wohl dem, der ein Weitwinkelobjektiv besitzt. Denn während unter den Füssen mehrere Millionen Liter Wasser mit bis zu 20 Knoten – rund 40 Kilometern pro Stunde – ins offene Meer hinausdrängen, geben grasende Kühe und rote Holzhäuschen an den Ufern die perfekte Norwegen-Idylle. Und am Horizont sind die Bergkuppen auch im Hochsommer schneebedeckt. Das alles wird begleitet von dem säuselnden Pfeifen der Luftwirbel über den schäumenden Wasserstrudeln.

Wem der Anblick des gewaltigen Naturschauspiels nicht Nervenkitzel genug ist, der kann sich auch noch näher heranwagen. Ob mit einem PS-starken Motorboot, das versucht, gegen die Strömung anzukämpfen, oder bei einem Tauchgang – das bleibt jedem selbst überlassen. Die, die es bereits einmal gemacht haben, schwärmen von dem Erlebnis. Doch selbst erfahrene Taucher sprechen von einer grossen Herausforderung.

Quelle: 20 Minuten, 26.5.2015, Fee Riebeling

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