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Zürcher Forscher zeigen, dass in den letzten hundert Jahren die Burgunderblutalge regelmässig im Zürichsee auftrat. Im Greifensee dagegen kommt sie kaum vor.

Der Volksmund spricht von Blaualgen, die Wissenschaft von Cyanobakterien. Sie gehören zu jenen Kleinlebewesen in einem See, die als Blüten unbeliebt sind. Besonders dann, wenn es sich um Arten handelt, die Gifte produzieren wie zum Beispiel die Microcystine. Das sind Stoffe, die in hoher Dosis die Leber schädigen können. Eine dieser toxischen Arten ist die Burgunderblutalge (Planktothrix rubescens), deren Blüten einen See rot verfärben. Im Zürichsee dominiert diese Art. Sie hat seit dreissig Jahren den grössten Anteil des Phytoplanktons. Mit den Giftstoffen schützt sie sich vor Fressfeinden wie den Kleinkrebsen. Die Wasserversorgung Zürich muss deshalb das Seewasser aufwendig aufbereiten, um die Blaualge und ihre Giftstoffe vollständig aus dem Rohwasser zu entfernen.

Nun haben Marie-Eve Monchamp und Forscherkollegen des Wasserforschungsinstituts Eawag in Dübendorf in Sedimentproben des Zürichsees das Erbgut von Cyanobakterien untersucht und eine zeitliche Abfolge der Vielfalt dieser Organismen rekonstruiert. Anders als bei früheren Sedimentuntersuchungen weltweit konnten die Forscher erstmals nicht nur das generelle Vorkommen von Cyanobakterien bestimmen, sondern über Jahrzehnte auch die einzelnen Arten innerhalb der verschiedenen Algen-Gemeinschaften.

Die Wissenschaftler profitieren dabei von einem natürlichen Prozess: Schwebestoffe im Wasser, darunter auch abgestorbenes Plankton, setzen sich im Sommerhalbjahr auf dem Grund des Sees und werden zersetzt. Im Winter lagert sich das Material dann als dunkle Tonschicht ab. Dieser Rhythmus zeigt sich im Sedimentkern in einer Folge heller und dunkler Streifen, den sogenannten Warven.

Überraschender Befund

Aus diesen Jahresschichten entnahmen die Eawag-Forscher das DNA-Material der Bakterien und sequenzierten deren Gene. Es gelang ihnen, relativ lange DNA-Fragmente aus dem Sediment zu isolieren, sodass nicht nur die einzelnen Arten, sondern auch die stammes­geschichtliche Verwandtschaft identifiziert werden konnte. Nicht in allen untersuchten Schichten wurde das Gen entdeckt, das für die Produktion der Gifte verantwortlich ist. «Das kann auch heissen, dass es zu wenig Material für die Sequenzierung gab», sagt Piet Spaak von der Eawag. Dass die Burgunderblutalge aber immer wieder in den Sedimenten auftaucht, deute darauf hin, dass es immer welche im See gegeben habe.

Die Studie zeigt, dass in den letzten hundert Jahren die toxische Blaualge regelmässig im Zürichsee auftrat. «Überraschend ist aber, dass ausgerechnet in der Periode Anfang 1970er- bis Mitte 1980er-Jahre kein genetisches Material der Burgunderblutalge gefunden wurde», sagt der Ökologe Piet Spaak. In dieser Zeit hinterliess der Mensch die grössten Alltags­spuren, indem viel Phosphat aus Waschmitteln in die Seen floss, das wiederum das Algenwachstum im Frühling antrieb. «Während dieser Jahre gab es im See ­weniger Blüten der Burgunderblutalge», sagt Spaak.

Seit dem Bau von Kläranlagen und dem Phosphatverbot in der Schweiz hat sich die Situation stark verbessert. «Der Zürichsee weist heute einen guten Zustand bezüglich Phosophor auf», heisst es im aktuellen Gewässerzustandsbulletin des Amts für Abfall, Wasser, Energie und Luft (Awel) des Kantons Zürich. Dennoch wird der See bezüglich der ­Algenmenge als «schlecht» taxiert. «Mit den Langzeitdaten können wir nun untersuchen, wie sich veränderte Ökosysteme auf die Entwicklung der Blau­algen-Gemeinschaft auswirken», sagt Eawag-Forscher Spaak.

Eine mögliche Erklärung für die nach wie vor starke Algenproduktion liefern Forscher um Thomas Posch von der Limnologischen Station des Instituts für Pflanzenbiologie der Universität Zürich. Sie gehen davon aus, dass der Klimawandel eine Rolle spielt. Weil die Winter in den letzten Jahren immer wieder ungewöhnlich warm waren, gab es im See keine Durchmischung. Die Folgen: Es bildete sich eine physikalische Barriere zwischen Oberfläche und Seegrund, sodass Blüten der Burgunderblutalgen unzureichend abgebaut wurden.

Keine Blutalgen im Greifensee

Die gleiche Analysemethode wendeten die Eawag-Forscher auch im Greifensee an, dem «Haussee» des Forschungsinstituts. Der voralpine See gilt als eutroph. Das heisst: Der Phosphorgehalt liegt im Gegensatz zum Zürichsee über dem Richtwert. Normalerweise wird der See einmal pro Jahr im Winter durch die Winde komplett durchmischt. Im Sommer wird so viel biologisches Material abgebaut, dass der gesamte Sauerstoff in tieferen Schichten aufgebraucht wird.

Dieser fehlt dann fünf bis zehn Meter über dem Seegrund. Das führt zu einer fatalen chemischen Reaktion: Phosphor, das durch die Zersetzung des Planktons im Sediment gespeichert wurde, wird wieder im Wasser gelöst. Ein erhöhter Phosphorgehalt wiederum begünstigt im Frühling die Algenproduktion.

Der Reichtum an verschiedenen Blaualgenarten unterscheidet sich im Vergleich zum Zürichsee denn auch. Im Greifensee wurde die Burgunderblutalge nicht nachgewiesen. Jedoch entdeckten die Eawag-Forscher in den Sedimentproben ab 2006 das Gen, das für die Produktion der giftigen Microcystine im See verantwortlich ist. «Das bedeutet aber nicht, dass jede Algenblüte toxisch sein muss», sagt Piet Spaak. Das müsse von Fall zu Fall untersucht werden.

Quelle: www.tagesanzeiger.ch, 15.1.2017

Das Team des Unterwasserarchäologen Franck Goddio hat in Ägypten versunkene Städte entdeckt. Seine Funde werfen ein neues Licht auf die Geschichte.

Osiris war immer schon da

Seit 25 Jahren gräbt Franck Goddio vor der Küste Ägyptens nach versunkenen Städten. Seine Funde sind Sensationen. Und zeigen einen äusserst wandlungsfähigen Gott.

Von Anja Jardine

Franck Goddio hat ein Lieblingsstück, eine Art Lebensfund, unter den Zigtausenden von Artefakten, die er im Laufe der letzten 25 Jahre vom Meeresboden geborgen hat. «Es hat verschiedene Qualitäten», sagt er und spricht plötzlich leiser: «Es ist vollkommen intakt. Von erlesener Schönheit. Und es löst ein 2000 Jahre altes Rätsel. Davon träumt ein Archäologe nicht einmal in seinen kühnsten Träumen.»

Ausgerechnet ihm ist dieses Glück widerfahren, einem Mathematiker und Ökonomen. Quereinsteiger und Autodidakt. Nicht alle Fachleute haben ihm das gegönnt. Zumal er die Unterwasserarchäologie, als er sie dann für sich entdeckt hatte, kurzerhand neu erfand. So wie sein eigenes Leben. Beides, genau genommen, Ergebnis eines Sabbaticals, das er mit 35 Jahren machte. Damals wusste er noch nichts von dem Rätsel, geschweige denn von seiner Lösung.

Geboren 1947 in Casablanca und aufgewachsen in Paris, hat Goddio an der École Nationale de la Statistique et de l'Administration Economique Mathematik studiert. Zahlen faszinieren ihn von jeher ebenso wie Geschichte. Mit 25 wurde er im Auftrag der Uno Regierungsberater in Indochina, damals herrschte Krieg in Vietnam. Im Anschluss ging er im Auftrag des französischen Aussenministeriums nach Saudiarabien und beriet die dortige Regierung beim Aufbau des saudischen Entwicklungsfonds. Mit Herz und Seele habe er seine Arbeit getan, sagt Goddio.

Als er aus Riad zurückkam, bot man ihm einen Job bei der Weltbank in Washington an, doch Goddio zögerte. Zu gross sei seine Sorge gewesen, sagt er, vollkommen in die Administration abzutauchen. Er beschloss, eine Auszeit zu nehmen, in der er «über mein Leben nachdenken und mich ein wenig umsehen wollte». Archäologie hatte ihn schon immer interessiert. Ausserdem tauchte er gern. «Ich fragte mich: Was läuft in der Archäologie eigentlich unter Wasser?» Er musste feststellen: nicht viel. Was es in den Museen an Altertümern aus dem Meer zu sehen gab, war in der Regel zufällig in einem Fischernetz gelandet oder von einem Taucher entdeckt worden. Eine systematische und institutionalisierte Suche aber gab es nicht. Das habe ihn überrascht, sagt Goddio, seien doch zwei Drittel der Erdoberfläche mit Wasser bedeckt. Er reiste um die Welt, sprach mit Archäologen, Historikern, Tauchern und Wissenschaftern.

1984 entdeckte der Meeresforscher Jacques Dumas in der Bucht von Abukir in Ägypten die Überreste der «Orient», des Flaggschiffs von Napoleons Mittelmeerflotte. Goddio wandte sich darum an Prinz Napoleon, den Urgrossneffen von Bonaparte, und bat um Kontakt zu Dumas. Goddios Familie gehört selbst zum alten französischen Adel, was sich hin und wieder als praktisch erweist. Schon bald begleitete er Dumas auf seinen Tauchgängen zur Ausgrabungsstätte und erlebte, wie der Meeresboden mit jeder Munitionskiste, jedem Stück Geschirr ein Stück seiner Geschichte preisgab. «Wracks sind wie Zeitmaschinen», sagt Goddio. Die «Orient» war mit 65 Metern Länge, 120 Kanonen und 1000 Mann Besatzung der Stolz der Franzosen. Der britische Admiral Nelson entdeckte die Flotte im August 1798 in der Bucht vor Abukir und schickte sie unverzüglich auf den Grund. Von 13 Linienschiffen wurden 11 versenkt oder ausser Gefecht gesetzt. Die «Orient» erwischte es gleich zu Anfang, wie die Ausgrabungen zeigten. Und nicht eine Explosion, wie bisher angenommen, hatte es gegeben, sondern zwei.

Die Arbeit unter Wasser sei für die Taucher äusserst mühsam gewesen, sagt Goddio, «meist sieht man kaum die Hand vor Augen». Wochenlang stocherten sie halbblind im Schlick. Die Abwässer der Städte werden ungefiltert ins Meer eingeleitet.

Kleopatras Wohnsitz

Vor dem Bau des Assuan-Staudamms lebten die Menschen im Delta im Rhythmus des Nils. Jedes Jahr während der grossen Hitze trat er über die Ufer. Die Nilschwemme brachte fruchtbaren Schlamm auf die Felder. Das 23 000 Quadratkilometer grosse Delta stand weitgehend unter Wasser. Nilpferde durchstreiften die Gestade, Schnepfen, Wiedehopfe und Ibisse flogen umher. Sobald sich das Wasser wieder zurückzog, begannen die Bauern am Flussufer mit der Aussaat und fuhren wenige Monate später reiche Ernte ein.

Seit dem Verschwinden der Nilarme hat sich die Küste verändert, viele Seen im Hinterland sind ausgetrocknet. Aber noch immer trägt der Nil gelben Schlamm ins Meer – Schwermetalle und organische Stoffe, die er auf seinem 1000 Kilometer langen Weg eingesammelt hat. Auf dem Meeresgrund liegt eine meterdicke Schicht aus Lehm, Geröll und Schlick, die seine Schätze blickdicht versiegelt, obwohl das Wasser hier maximal 12 Meter tief ist.

Archäologen erzählten Goddio von antiken Städten im Nildelta, die nie gefunden worden seien: das sagenumwobene Kanopus zum Beispiel. Glaubte man den alten Schriften, musste es die reinste Lasterhöhle gewesen sein. Oder das rätselhafte Thonis, immer wieder finde es Erwähnung, und kein Historiker könne es verorten. Und natürlich Herakleion, Ägyptens Tor zum Mittelmeer, bevor Alexander der Grosse seine Stadt errichtete. Immerhin wusste man, dass der grosse Hafen von Alexandria zum Teil vom Wasser verschluckt worden war, denn die beiden Obelisken, die einst vor dem Caesarium am Hafeneingang standen, hatte man gefunden.

Das antike Alexandria! «Ein Traum», sagt Goddio. Prachtvolle Hauptstadt der Ptolemäer, gelegen auf einer Nehrung zwischen dem Meer und einem See. Frühes Zentrum der Wissenschaften. Schmelztiegel der Kulturen. Der weisse Leuchtturm – das siebte der antiken Weltwunder. An diesem Ort hatte Kleopatra VII. gelebt, die letzte Pharaonin. Erst war sie die Geliebte von Julius Caesar und nach dessen Ermordung die seines Feldherrn Marcus Antonius. Bis zu ihrer beider Suizid 30 Jahre v. Chr. Letzter Vorhang für das 3000 Jahre alte Pharaonenreich, Ägypten wird römische Provinz, der Abstieg beginnt. Im Jahr 365 unserer Zeit verwüstet ein Tsunami die Stadt, schwere Erdbeben setzen nach, und im Jahr 1300 fällt mit dem weissen Leuchtturm die letzte Bastion. Seitdem ist das antike Alexandria von der Landkarte verschwunden «Das wäre eine Aufgabe!», habe er damals gedacht, sagt Goddio, «aber zu gross für mich.»

Aus seinen Erfahrungen in der Bucht von Abukir hatte er jedoch einiges gelernt: Aus Kostengründen musste der Zufall auf ein Minimum reduziert werden. Dazu bedurfte es einer akribischen Vorbereitung unter wissenschaftlichem Einsatz von Technik. Die Mittel konnten nicht allein aus öffentlichen Kassen kommen, zu teuer. Und: Für eine seriöse archäologische Forschung unter Wasser war die Zusammenarbeit mit den nationalen Behörden und Institutionen unerlässlich. Denn alles, was die Forscher vom Meeresboden bargen, gehörte dem Staat, auf dessen Hoheitsgebiet es gefunden wurde. 1987 gründete er in Paris das Europäische Institut für Unterwasserarchäologie (IEASM).

Schon vorher hatte er seine erste Mission. Das Nationalmuseum der Philippinen hatte das französische Kulturministerium bei der meeresarchäologischen Forschung um Unterstützung gebeten. Die Philippinen sind ein Inselstaat, bestehend aus 7000 Inseln, ihre Geschichte ist die der maritimen Handelswege. Goddio entwickelte ein Programm, das systematisch nach Wracks sucht – vom 18. Jahrhundert bis zurück ins 9. Jahrhundert; es läuft noch heute.

Er begab sich im Südchinesischen Meer auf die Suche nach der «Royal Captain», einem Dreimaster der Ostindien-Kompanie, der 1773 auf ein Riff aufgelaufen und gesunken war. Goddio machte eine Art Geländeerhebung, setzte ein Magnetometer ein, um Schwankungen im Erdmagnetfeld zu erfassen, und erhielt am Riff tatsächlich Signale. Aber die Taucher fanden nur tote Korallen, hart wie Beton. «Ich sagte: ‹Da ist was.› Die anderen sagten: ‹Nein, da ist nichts.›» Er entschied zu graben, und unter 80 Zentimetern toter Korallen entdeckten sie Keramik aus dem 16. Jahrhundert. «Zweihundert Jahre vor der ‹Royal Captain› musste also bereits ein anderes Schiff an der Stelle gesunken sein», sagt Goddio, Das Wrack der «Royal Captain» entdeckte er Jahre später in 380 Metern Tiefe.

«Wracks wollen nicht gefunden werden», sagt Goddio, was ihn anzustacheln scheint, seine Aufspürmethoden zu optimieren. Als er in der Zeitung las, dass das französische Kommissariat für Atomenergie einen Kernspinresonanz-Magnetometer entwickelte, bot er an, das Gerät zu testen, und fand die Ergebnisse unbefriedigend. Er erarbeitete einen Katalog mit Spezifikationen, und gemeinsam verbesserten sie das Gerät. Er bekam die zivilen Nutzungsrechte und kann heute am Meeresboden 5000 Mal pro Sekunde hochpräzise die Stärke des Erdmagnetfeldes messen, was verdichtete Strukturen wie Steinblöcke, Metall und Holz identifizierbar macht.

«Ich will in jedem Bereich genau verstehen, wie gearbeitet wird», sagt Goddio. Als er die «San Diego» suchte, eine spanische Handelsgaleone, die nach einem Gefecht mit einem Holländer im Dezember 1600 auf den Philippinen gesunken war, reiste er nach Sevilla, um mit seinem Rechercheur im Archivo General de Indias das Material zu sichten. Logbücher, Frachtlisten, Reiseberichte, Versicherungspolicen. «Der Kapitän hatte in dem offiziellen Untersuchungsbericht angegeben, dass er nach Untergang des Schiffes vier Stunden geschwommen war – mit der Flagge in der Hand.» Die Zeugenaussage eines Matrosen las sich allerdings ganz anders: Nah am Ufer seien sie gesunken, und der Kapitän sei als Erster von Bord gesprungen und abgehauen. «Da wussten wir: So war es!», sagt Goddio. «Wir mussten also viel näher am Ufer suchen.» Treffer.

«Wenn du Texte aus dieser Zeit liest, hast du weder Punkt noch Komma», sagt Goddio. Ein Satz gehe manchmal über zweihundert Seiten. «Da steht dann: ‹Wir näherten uns dem Felsen der den Namen trägt und durch die Gnade von Jungfrau Maria die uns schon zuvor . . .› Und du liest und liest, wartest auf den Namen, und der kommt und kommt einfach nicht. Furchtbar!», ruft Goddio, «zum Verzweifeln!»

Doch so elementar die historischen Dokumente seien, man dürfe ihnen nie vollkommen vertrauen. Als Goddio jenen Lageplan vom grossen Hafen in Alexandria sah, der vielen Wissenschaftern als Grundlage ihrer Arbeit diente, wunderte er sich. Der ägyptische Ingenieur Mahmoud el-Falaky hatte ihn 1866 für Napoleon III. gezeichnet. Goddio kannte mittlerweile alles, was seit der Antike bis in die Gegenwart über diese Stadt geschrieben worden war, und fragte sich: Das soll Portus Magnus sein? Dieser glorreiche Ort, an dem Julius Caesar sich wilde Kämpfe mit den Alexandrinern geliefert hatte? «Der Hafen hätte im Winter kaum den ersten Stürmen standgehalten», sagt Goddio. Vor allem habe er den Lageplan partout nicht mit den Aussagen der Zeitzeugen in Caesars Schriften zusammenbringen können. Goddio entschied also, die Karte beiseite zu lassen und eine eigene zu erstellen.

Abendliche Tauchgänge allein

1992 begann Goddios Team vom IEASM mit Genehmigung des ägyptischen Obersten Rates für Altertümer und gemeinsam mit dessen Tauchern eine Wasserfläche von 400 Hektaren geophysikalisch zu untersuchen, und fand Hinweise auf architektonische Strukturen im Sediment. Danach vertiefte Goddio seine privaten Studien über Ägypten, suchte sich die besten Lehrer. Der Ägyptologe Jean Yoyotte wie auch die Historiker und Epigraphen André und Etienne Bernard teilten gern ihr Wissen mit ihm. «Ich bekam Zugang zu den faszinierendsten Gedankenwelten», sagt Goddio, «ein Geschenk.» Und der Anfang enger Freundschaften und jahrzehntelanger Zusammenarbeit. Das liebe er an seiner Arbeit, sagt Goddio, mit welch unterschiedlichen Menschen er es zu tun habe – Ingenieuren, Geophysikern, Ägyptologen, Keramik-Experten, Steinmetzen, Tauchern, Restauratoren usw.

1994 kommt es zu der äusserst fruchtbaren Begegnung mit Michael Hilti vom liechtensteinischen Werkzeughersteller Hilti, der – angesteckt von Goddios Enthusiasmus – zusagte, eine fünfwöchige Expedition nach Alexandria zu sponsern, um herauszufinden, ob es sich bei den Strukturen, die Goddio 1992 im Sediment geortet hatte, um das antike Alexandria handelte. Zwei Jahre später gründete Hilti die gemeinnützige Hilti Foundation, um die aus allen Fugen geratene Finanzierung des Projektes auf solide Beine zu stellen. Bis heute sponsert die Stiftung Goddios Ausgrabungen in Ägypten ebenso wie das 2003 an der Oxford-Universität gegründete Oxford-Center für Maritime Archäologie, das Goddios Feldforschungen in Ägypten wissenschaftlich begleitet.

Im Mai 1996 ging es los. «Wir tauchten tagelang und sahen nichts», sagt Goddio. «Mein Team sah mich fragend an. Wir fingen an zu graben – nichts als Schlamm!» Die Zeit lief. «Eines Tages stiess ich mit dem Spiess in zirka 80 Zentimetern Tiefe auf etwas Solideres, wie eine Lehmschicht. Wir gruben noch mal zwei Tage, fast ohne etwas zu sehen. Plötzlich machte der Spiess ein metallisches Geräusch. Nach einiger Zeit konnte ich mit meiner Hand etwas Kaltes, Glattes Hartes spüren. Ein Steinblock. Ich nahm einen Spachtel und spürte so etwas wie ein Relief. Ich rief die Jungs, es war unglaublich. Vor uns hatten wir Blöcke aus rosa Granit mit Hieroglyphen. Unser erstes Artefakt mit einer Inschrift. Wir hatten Antirhodos entdeckt, die Insel im Hafenbecken von Alexandria.»

Eines habe er gleich am Anfang begriffen, sagt Goddio. «Du musst dir deiner Sache ganz sicher sein, bevor du anfängst zu graben. Denn wenn du auf Anhieb nichts findest, fangen alle um dich herum an, dich zu entmutigen – ‹da ist nichts›, ‹wir hätten es längt gefunden› usw. Du musst sagen können: ‹doch, doch›». Wer Filmaufnahmen von den Expeditionen sieht, ahnt, dass Goddio nicht nur der ist, der diese Mammutprojekte orchestriert, sondern vor allem der, der die Flamme hütet. Ein schmaler, auffallend jung wirkender Mann von bald 70 Jahren. Er hält sich immer etwas abseits, beobachtend, nachdenklich, freundlich. Am liebsten, sagt er, tauche er abends allein über die Ausgrabungsstätte, wenn alle Taucher an Bord sind.

Im Oktober 1997 entdeckt ein Taucher aus Goddios Team auf Antirhodos eine Figur, die er zunächst für eine Frau mit einem Kind hält. Noch unter Wasser beginnen sie damit, die Statue zu reinigen, eine Digitalkamera überträgt die Bilder an Bord des Forschungsschiffes. Die Sicht ist schlecht, Schwebeteilchen trüben das Wasser. Und plötzlich, so berichtet der Taucher später, trägt die Strömung die Teilchen davon, wie ein Windstoss. Alle verstummen. Es ist ein Isis-Priester in einer Tunika. Sein vor 2000 Jahren in schwarzen Granit gemeisselter Gesichtsausdruck zeigt noch heute Wirkung: würdevoll und heiter. Im Arm hält er ein Gefäss, aus dem der Kopf des Gottes Osiris herausschaut. Bereits zwei Tage zuvor hatten sie am Meeresgrund zwei Sphingen entdeckt, und als Ensemble deuten die drei Figuren darauf hin, dass hier – wie von Strabon überliefert – ein Isis-Tempel gestanden hatte.

Osiris. Von Himmel und Erde gezeugt, erbte er das irdische Königreich. Er unterwies die Menschen in Ackerbau und Viehzucht, gab ihnen die Gesetze, lehrte sie Ehrfurcht vor den Göttern und brachte ihnen die Zivilisation. Doch sein Bruder Seth ermordete und zerstückelte ihn. Isis, seine Schwester und Ehefrau, suchte die über das ganze Land verteilten Leichenteile und setzte den Körper wieder zusammen. Sie wachte in Gestalt eines weiblichen Milans an seinem Totenbett und hauchte ihm durch das Schlagen ihrer Flügel neues Leben ein. Dann zeugte sie mit ihm einen Sohn, Horus. Der rächte seinen Vater und wurde König von Ägypten. Vorbild aller Pharaonen. So hat Plutarch die Legende 200 n. Chr. zusammengefasst.

Wo auch immer vor der Küste Ägyptens Franck Goddio in den folgenden 20 Jahren graben wird, überall begegnet er Osiris. Egal ob in einem ägyptisch, griechisch oder römisch geprägten Umfeld. Alle, so scheint es, haben sich ihn zu eigen gemacht oder die Entsprechung eines eigenen Gottes in ihm erkannt. Für die Griechen war Osiris Dionysos. In Herakleion, so nehmen Experten an, übernahm Gott Serapis Status und Funktion von Osiris. Wie bei Osiris zogen seine heilenden Kräfte Tausende von Pilgern an. «Osiris' Geschichte gehört zu den machtvollsten Mythen, die es je gegeben hat», sagt Goddio. Sie habe viele Regionen über lange Zeit geprägt. «Es geht um Gut und Böse. Das Böse wird besiegt, aber bleibt da.»

Das antike Alexandria ist gefunden, doch die Suche geht weiter. Alles deutet darauf hin, dass es in der Region schon früher Siedlungen gegeben hat. Wieder werden zunächst präzise Topografien erstellt. Es zeigt sich, dass etwa 800 n. Chr. eine annähernd dreieckige Fläche von 10 Kilometern Breite und Länge durch natürliche Umwälzungen im Meer versunken war. Goddio kann in diesem Gebiet zwei Ruinenfelder ausmachen, die sich in den folgenden Jahren als Kanopus und Herakleion herausstellen.

Lustknaben und Konkubinen

Kanopus war jahrhundertelang Schauplatz der Feierlichkeiten zur Wiedergeburt Osiris und seines erneuten Einzugs ins Totenreich. Im vierten Monat jeden Jahres, nach heutiger Rechnung November, wenn die Überschwemmung zurückging und die Felder zur Bebauung freigab, formten die Priester aus der noch vom Wasser getränkten, aber bereits besäten Erde Osiris-Figuren. In einer goldenen Barke brachte man die Figur vom Osiris-Tempel in Herakleion über einen dreieinhalb Kilometer langen Kanal nach Kanopus. Dort angekommen, wurde die inzwischen mit Sprossen übersäte Figur in den Tempel getragen und begraben. Jedes Mal ein grosses Volksfest.

Entlang des Kanals blühte der Pilgertourismus mit Flötenspiel und Tanz, Lustknaben und Konkubinen.

Jedes Fundstück wird exakt kartiert, über GPS verortet und in einer elektronischen Karte gespeichert. Knapp 18 000 Fundstücke sind es allein aus Herakleion. Viele bleiben am Meeresgrund. Ähnliche Karten existieren für Kanopus und Alexandria. Die Dateien enthalten auch alle Informationen der geophysikalischen Prospektion. Gebäude werden in einem anderen Datensatz erfasst als Schiffswracks, Keramiken oder Münzen. In der Summe sind es fast 1000 Datei-Ebenen. Ein einzigartiger Schatz.

Herakleion erwies sich tatsächlich als Ägyptens Tor zum Mittelmeer vor der Gründung Alexandrias. Die Pharaonen zeigten sich als Seefahrernation – das war neu. Mehr als 70 Wracks entdeckten die Taucher im Hafen. Hier nun macht Goddio seinen Lieblingsfund. Es sind nicht die drei Kolossalstatuen, die weltweit für Furore sorgten, jede über fünf Meter hoch: ein Pharao, eine Königin und niemand Geringerer als Hapi, Gott der Nilflut. Wer sie auf Tiefladern durch eine Stadt fahren sah, traute seinen Augen nicht. Goddios liebstes Stück aber ist eine Tafel aus schwarzem Diorit, fast zwei Meter hoch, fein beschriftet. Es ist das Dekret eines Pharaos aus dem Jahr 380 v. Chr. Was hatte der Herrscher mitzuteilen? Zollbestimmungen. Adressiert an griechische Händler – für alle Waren, «die aus dem Meer der Griechen kommen». Zudem verfügte er, wo genau diese Stele aufzustellen sei, nämlich «in der Stadt mit Namen Thonis». Die Lösung des Rätsels: Thonis war Herakleion. Pharao Nektanebo I. persönlich hat es Goddio wissen lassen.

Am 10. Februar 2017 öffnet im Museum Rietberg die Ausstellung «Osiris. Das versunkene Geheimnis Ägyptens».

Quelle: NZZ, 13.1.2017, Seite 45-48

Sie leben in 50 Metern Tiefe und sehen aus wie grosse Seepferdchen: Nun wurden die Roten Seedrachen in freier Wildbahn beobachtet.

Vor der Küste Westaustraliens haben US-Forscher erstmals lebende Exemplare des Roten Seedrachens entdeckt. Die rubin-roten, an grosse Seepferdchen erinnernden Meeresfische (Phyllopteryx dewysea) waren erst 2015 beschrieben worden, allerdings nur mit Hilfe toter Exemplare.

Die nun im Journal «Marine Biodiversity Records» vorgestellten Seedrachen tummelten sich in mehr als 50 Metern Tiefe in den Seetangwiesen des Recherche Archipels. Bewegt vom heftigen Wellengang wurden die 25 Zentimeter langen Tiere sogar beim Fressen beobachtet. Allerdings verfügen sie über einen Greifschwanz, mit dem sie sich vermutlich am Seetang festhalten, um nicht von starker Strömung fortgetrieben zu werden.

Mit Fetzenfisch verwandt

Zwei nahe Verwandte sind in der Region bereits bekannt: Der Kleine und der Grosse Fetzenfisch. Ihre an Seetang erinnernden, blätterigen Fortsätze ermöglichen eine perfekte Tarnung.

«Es war ein verblüffender Moment, als wir entdeckten, dass der Rote Seedrache keinerlei Fortsätze hat», sagt Co-Autorin Josefin Stiller vom Scripps Institut für Ozeanographie (La Jolla).

Die beiden Verwandten können jedoch ihre Schwänze nicht zum Greifen nutzen, so dass die Forscher sich fragen, wie sich der Greifschwanz des Roten Seedrachens entwickelt hat. Zudem leben sie in seichteren Gewässern, so dass sie schon oft von Sporttauchern vor der Südküste Westaustraliens gesichtet wurden.

Quelle: 20 Minuten, 13.1.2017

Das neue X-Ray Magazin ist wieder draussen.

Main features in this issue include:

I Survived! Preventative Safety Strategies

In this latest column, Simon Pridmore looks at three instances where divers survived close calls, picks out the techniques that they employed to survive and recommends strategies that you can adopt to make you a safer diver

Downloadbar als PDF (ca. 51MB / 92 Seiten)

Contents:

  • Arterial Bubble Model
  • Suggested Protocol for Emergency In-water Recompression
  • Did Haldane Really Use His "2:1"?
  • Living the Dream?
  • Diving Ras Atantur

Quelle: http://techdivingmag.com

Das neue Underwater Photography Magazine#93 ist draussen.

Januar/Februar 2017, 69 Seiten.

Editorial

  • Trident OpenROV
  • Jack Perks’ book
  • Envy

News Travel & Events

  • American Crocodiles at Banco Chinchorro
  • Digital Shootout in Bonaire
  • Manta Fest 2017
  • Great Hammerheads, Tiger Sharks & Dolphins
  • Jason deCaires Taylor’s Underwater Sculptures
  • Moorea Ocean Adventures
  • Scuba Videos
  • Solitary Islands, NSW
  • Gerald Rambert workshop in Raja Ampat

New Products

  • Nauticam NA-H4D Hasselblad H4D/H3D systems
  • This is iBubble
  • Ikelite Vacuum Kit for 3/8 Inch Holes
  • 360Abyss™ v4
  • Fantasea Housing For Sony RX100 V
  • MPAC Dive
  • Two new upgraded Keldan lights
  • BS Kinetics universal video housing
  • Sea & Sea MDX-5D Mark IV for Canon EOS 5D Mark IV
  • Aquatica Canon 5DMk IV housing
  • Ikelite 200FL TTL Housing for Nikon D3300, D3400 DSLR Cameras
  • Introducing Bonex Scooters & DPVs
  • Orcatorch Dive Lights
  • Backscatter Flip 5
  • Acquapazza housing for the Sigma sd Quattro and sd Quattro H
  • Weefine ring light
  • SAGA Trio lens
  • Supernova video light
  • Dive Galapagos 2nd Edition
  • Deadly Oceans
  • Underwater Photography Masterclass Ebook by Alex Mustard
  • Freshwater Fishes of Britain by Jack Perks

Product reviews

  • Cannon 1Dx MK11 review by Backscatter staff
  • Fantasea revisited by Jussi Hokkanen
  • Less is more by Mike Ross

Aquatic life

  • Freshwater Fishes by Jack Perks

Locations

  • Poor Knights, NZ by Alex Stammers
  • Palm Beach, Florida by Walt Stearns

My Shot

  • by Charlotte Sams

Parting Shots

  • by Alex Mustard and Dan Bolt

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